Früher war alles besser – oder nicht?

Diesen Spruch höre ich eigentlich immer sehr regelmäßig von meinen Eltern. Bzw. meinem Vater. Aber letztens las ich ihn auch auf einem  anderen Hundeblog. Zugegeben, der Artikel ist schon älter. Aber ich habe ihn erst vor kurzem auf Facebook bei thepellmellpack entdeckt, als genau um dieses Thema ging. Und somit eigentlich noch Brandaktuell.

Ich persönlich denke auch manchmal, dass es früher doch besser war. Gerade im Hinblick auf Hundehaltung. Sicher, ich bin erst 28, kann also nicht wirklich von früher reden. Aber ich weiß, dass streunende Hunde in unserem Dorf keine mittelschwere Katastrophe ausgelöst haben.

Ich kann mich zum Beispiel noch an Kuddel erinnern. Der Hund unserer Nachbarn. Der war mal hier und mal dort, meistens immer unterwegs. Keiner hat das Ordnungsamt gerufen, keiner hatte Angst, dass er ein Opfer Kuddels werden würde. Uns Kindern wurde beigebracht, Hunden nicht zu streicheln wenn wir sie nicht kennen, nicht in die Augen zu sehen und niemals nie wegzurennen. Es sei denn, Herrchen oder Frauchen ist dabei. Dann darf man fragen ob streicheln ok ist.

Das Gute, niemand hat sich aufgeregt, dass Kuddel unterwegs ist. Niemand hat einen Herzkasper bekommen und seine Kinder auf den nächsten Baum gehievt. Aber früher ist das Verständnis für Hundehaltung, oder dessen Ausmaß noch ganz anders gewesen. Die Kehrseite ist, dass mit Kuddel nie spazieren gegangen ist. Der lebte für sich allein auf dem Grundstück seiner Halter. Ich glaube, er durfte auch nicht Haus. Das ist aber auch ganz normal gewesen, früher jedenfalls. Wie die Beziehung seinerzeit zu seinen Haltern war, weiß ich nicht. Man hat sie halt nie zusammen gesehen.

 

Kuddel hat auch kein Hundefutter bekommen. Er lebte von dem, was bei den Menschen übrig geblieben ist. Während die Schweine ihren „Drankeimer“ hatten, hatte Kuddel das gleiche wie seine Herrchen, nur eben als Rest. Kuddel ist, soweit ich mich noch erinnern kann, sehr alt geworden. Ob er krank war? Keine Ahnung. So lange Hunde nicht humpelten, waren sie in der Regel gesund. Und daher war ein regelmäßiger Tierarztbesuch auch überflüssig.

Wenn die Hunde von früher denn überhaupt je einen Tierarzt gesehen haben. Mein Onkel zum Beispiel, wirklich vom Gemüt er noch ganz alte Schule (ist eben auf dem Land groß geworden und musste schon früh Dinge tun, die ich noch nicht mal im Traum könnte ….) ist der Meinung, dass alles was Geld kostet weg muss. Hunde, die Krank sind, kosten nun mal. Sei es Zeit, Geld oder sonstiges. Also muss der Hund weg.

Daher denken wohl auch viele, die Hunde waren früher gesünder. Bestimmt waren Erbkrankheiten noch nicht so das Thema, aber ob Hunde an sich viel gesünder waren, glaube ich nicht. Viel eher wurde sich nicht großartig darum gekümmert. Ich mein, wie viele Hunde waren früher beim Tierarzt wenn sie müde, schlapp und antriebslos waren? Richtig, kaum einer.  Regelmäßige Kontrolle? Wohl eher nicht. Und so gab es dann auch keine sicheren Diagnosen.

Hunde mussten auch weg, wenn sie auffällig wurden. Mein Opa zum Beispiel hat seinen (angeblichen) Wolfshund aufgehangen. Dieser Hund mochte wohl nicht alle Familienmitglieder und ist nach vorne gegangen (mündliche Überlieferung meiner Eltern). Zeit und Geld wurde nicht in Training investiert. Ich glaube, damals gab es den Berufszweig Hundetrainer auch gar nicht. Entweder es war Friede, Freude, Eeierkuchen oder nicht. Und bei letzterem hat man nicht lange gefackelt. Was weg muss, muss weg.

Sicherlich, Aggression gegenüber Fremden wurden bis zu einem Punkt geduldet. Schließlich war es der Job der meisten Hunde, Haus und Hof zu beschützen. Aber gegen Familienmitglieder durften sie sich nicht stellen. Da wurde dann auch mal Hart bestraft, wenn der Hund knurrte oder nicht spurrte. Lerntheorien? Pfft. Aber kleine Kinder wurden seinerzeit in Schulen ja auch nicht zaghaft behandelt.

Heute kommen Hunde in die Hundeschule und besuchen Welpenkurse. Im Idealfall werden Hund und Halter von Beginn an auf ein Leben miteinander vorbereitet. Einige Hunde werden nachhaltig und ergebnisorientiert ausgebildet, wieder andere müssen in kurzer Zeit möglich viel lernen und verinnerlichen. Egal welcher Weg, es wird wenigstens trainiert. Egal ob „Basistraining“ oder „Verhaltenskorrektur“, dem Hund wird heutzutage die Möglichkeit gegeben, sich zu verändern um seinen Menschen besser zu gefallen bis sie abgegeben werden.

Der Wolfhund hatte nur die Wahl: Friss oder stirb. Abgabe? No Way. Ich denke, daher haben auch viele das Gefühl, dass es heute mehr Problemhunde als früher gibt. Ich dagegen glaube nicht, dass es mehr Problemhunde gibt, ich glaube einfach nur, dass Problemhunde nun nicht mehr „weg“ müssen und die Chance erhalten, sich zu bessern und ihr Glück in einer anderen Familie dürfen.

Das Gute aber, Hunde wurden nie in Rollen gezwängt, die sie nicht erfüllen konnten. Sie wuchsen in der Regel dort auf, wo sie sich auch im Alter aufhalten würden. Kein Hund wurde vom Land in die Stadt verfrachtet. Niemand ging mit dem Wachhund in ein Café Kuchen essen. Somit hatten die Hunde die Möglichkeit, sich schon als Welpe an ihr neues Leben zu gewöhnen. Hunde aus dem Ausland holen? Um Gottes Willen. Bauer Otto hat grade noch einen Wurf, für ne Buttle Rum war es der neue Hofhund.

Untersuchung auf Erbkrankheiten bei der Verpaarung? Ich glaube nicht, dass das passiert ist. Ich denke, bei gewollter Zucht entschied der Phänotyp, das Wesen und die Arbeitsleistung des Hundes über seine Fortpflanzung. Ansonsten vermehrte sich, was sich beim streunen traf.

Ich glaube, auch über Auslastung brauchten die Hunde von früher sich keine Gedanken machen. Agility, Degility und wie sie alle heißen noch ganz weit weg. Gebrauchshundesport, oder eben Schutzdienst, ja das gab es bestimmt schon (daher wundert es mich auch nicht, dass die Methoden in diesem Sport oft wohl gerne noch von vor einigen Jahrzehnten sind). Die Hunde sind früher einfach im Leben der Menschen mit gelaufen. Und das wars.

Das hört sich alles total negativ an, ich weiß. Ich möchte auch nicht den Eindruck erwecken, dass den Menschen früher das Dasein ihrer Hunde egal war. Ganz im Gegenteil. Es wurde nur nicht so viel „Geschiss“ um jeden Aspekt des Hundelebens gemacht. Und vor allem – niemand hat sich darum gekümmert was der jeweilige andere mit seinem Hund anstellt.

Heutzutage bist du ja schon ein schlechter Hundehalter, wenn dein Hund 3 Stunden am Tag alleine ist oder nur Trockenfutter bekommt. Und dann wird im Internet über dich hergezogen , was du alles falsch machst und das man das Ordnungsamt einschalten sollte.

Im Gegenzug dazu steht die Erwartungshaltung dem Hund gegenüber. Er muss sich immer und überall gut „führen“ lassen. Das streicheln wildfremder Menschen ist ebenfalls zu erdulden. Lautäußerungen in der Gesellschaft sind unerwünscht. Und das legen eines Hundehaufens (selbst wenn der vorbildliche Hundehalter dieses aufhebt) ein Kriterium, welches am liebsten weggezüchtet werden will. Denn selbst wenn der Kotbeutel im öffentlichen Abfalleimer entsorgt wird – es regt sich immer jemand auf oder kuckt, als würde der Hund Granaten kacken.

Man kann sagen, früher waren einige Dinge unkomplizierter und man hatte als Hundehalter seine Ruhe. Leinenpflicht, Brut und Setzzeit, „Hunde verboten“ an Seen oder ähnliches gab es nicht. Jedenfalls nicht so ausgeprägt wie heute. Im Jahr 2018 einen See zu finden, in dem Hunde legal schwimmen dürfen ist echt schwierig.

Die Anforderungen an Hund und Halter sind gestiegen. Am besten wäre es, man bewegt sich möglichst unsichtbar durch die Öffentlichkeit. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum viele Dinge im Bezug auf Hundehaltung so verkopft werden. Hier wird ein Buch gelesen, dort werden Verhaltensanalysen angestellt und ganz wo anders wird die Zusammensetzung des Futters studiert.

Ich finde, wir sollten alle mal lockerer werden. Meine Hunde bekommen das zu futtern, was gerade im Haus ist. Das kann von Mittelklasse Nass- und Trockfutter bis hin zu Barf alles sein. Ja, auch Essensreste. Und wenn Lidl Frolic im Angebot hat, ja mei, dann landen die als besonders Leckerchen in meiner Tasche. Dann strengen sich Inuki und Skadi wenigstens besonders an, vorbildlich auf Spaziergängen zu sein (und Hundehaufen erkennt man leichter im hohen Gras … :) ).

Wenn fremde Hund in uns rein laufen, löst das auch keine Katastrophe bei mir aus obwohl Inuki manchmal echt maulig sein kann. In der Regel entschuldigen sich die anderen Halter und gut ist. Einen wütenden Post verfasse ich deswegen nicht unbedingt. Schließlich – es mag vielleicht mal der Tag kommen, an dem Inuki oder Skadi (oder beide?!) Tomaten in den Ohren haben und ebenfalls „Hallo sagen“ wollen und ich dann rufen muss „die tun nix!“. Wir sind nun mal alle nur Menschen (und Hunde) und Fehler passieren da unweigerlich ab und an.

Die Gelassenheit (und der Sprit Preis) von früher und das Bewusstsein (so nenne ich es jetzt einfach mal, ihr wisst was ich meine) von heute – das ist ein guter Mix. Oder denkt ihr anders darüber? Findet ihr, dass die heutigen Hunde es besser haben oder ist tatsächlich früher alles besser gewesen?

 

 

 

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3 Kommentare

  1. Hey, danke für den tollen Artikel. Ja früher war einiges anders. Unsere Familienhunde bekamen auch keine Ausbildung. Die konnten Sitz und Platz irgendwie und sonst nicht. Sie waren halt da.
    Ich denke früher war es zumindest einfacher, weil der Hunde auch einfach als Tier angesehen wurde und die Erwartungshaltung der Gesellschaft nicht so riesig war. Heutzutage müssen Hunde so viel können, so viel hinnehmen und oftmals bleibt keine Zeit zum Hund sein.
    Die Halter hatten es früher auch einfacher, weil natürlich von ihnen auch nicht so viel erwartet wurde.
    Ich denke eine Mischung aus heute und früher wäre perfekt ;-)

    Ich habe mir auch gesagt, Aaron muss nicht alle mögen, aber ich muss wissen wie ich mit ihm umgehen muss, falls er jemanden nicht mag. Ansonsten darf er Hund sein und bekommt auch alles an Essen was da ist. Ich passe nur auf die Menge auf. Die Hundeschule haben wir besucht, aber nie bis zur Perfektion voran getrieben.

    Aaron darf glücklich sein und ich liebe seine Ecken und Kanten.

  2. Socke-nHalterin

    Ich möchte mich dem Thema gar nicht widmen, weil ich zum einen denke, dass die Erinnerung vieles verfälscht und zum anderen habe ich ja oft die freie Wahl Dinge so wie früher zu leben. Wenn ich meinenHund nur mit Essensresten füttern will, dann tue ich das. So wie Pudel Willi aus der Nachbarschaft, der noch nie Hundefutter bekommen hat.

    Ich bin froh, dass sich die Welt verändert und ich immer öfter die Wahl habe, mich zwischen dem guten Alten und den modernen Ansätzen zu entscheiden. Man muss nur den Muthaben, nicht jedem Trend zu folgen und seine Meinung zu vereidigen.

    Socke hätte vor vielen Jahren nicht so eloquent untersucht werden können und wäre wahrscheinlich verstorben…..

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

  3. Alles war bestimmt nicht besser. Mensch und Hund hatten manchmal ein schweres Leben. Aber ich kann ja zum entscheiden wie ich meinen Hund ernähre oder wie ich ihn auslaste. Man muss ja nicht alles toll finden. Wer Interesse am Hundesport hat, der soll ihn auch ausüben und wer mit seinen Hunden lieber spazieren geht (so wie wir) der kann das auch so machen. Emma und Lotte waren ja noch nicht einmal in einer Hundeschule. Hauptsache den Hunden geht es gut und sie haben Spaß an der Sache.
    Liebe Grüße vom Emma und Lotte Frauchen

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